ADHS - Aufmerksamkeit in Extremen
- jasminmsh
- 30. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 4. Jan.
Jasmin Hennig, 03. Januar 2026 über Konzentrationsextreme bei ADHS
Vielleicht kennen Sie die Szenerie, die vielen Eltern in meiner Praxis tagtäglich begegnet: Während Ihr Kind die Hausaufgaben erledigen soll, fällt diesem plötzlich noch die wunderschöne gelbe Blüte auf, die sich im auf dem Fensterbrett stehenden Blumentopf endlich geöffnet hat. Diese wird zunächst ausgiebig begutachtet, bevor überhaupt daran zu denken ist, sich wieder an den Schreibtisch zu begeben. Auf dem Weg zurück zum Schreibtisch, fällt Ihrem Kind dann das bunte Legoauto ins Auge, bei dem leider ein unerlässliches Teil fehlt. In dieser für das Kind hochbrisanten Lage muss dieser Baustein selbstverständlich erst einmal ausgiebig gesucht werden. Bei jedem Versuch, das Kind von dieser bedeutungsvollen Suche abzubringen, verliert das Elternteil jegliche Nerven, weil es doch einfach nur verlangt, dass die Deutschhausaufgaben endlich erledigt werden. Doch so einfach ist das leider wirklich nicht.
Was oft als Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung bezeichnet wird, ist in Wahrheit eigentlich nur eine abweichende Form der Aufmerksamkeitssteuerung. Neues, Interessantes, Dinge, die positiv bewertet werden und für Freude, Selbstwirksamkeit, Sicherheit und Anerkennung sorgen, werden augenblicklich fokussiert, während das Aufräumen, Anziehen, das Erledigen der Schularbeiten, das Entleeren der Brotdose, oder das Packen des Schulranzens tagtäglich wie unüberwindbare Aufgaben erscheinen.
Der Begriff ADHS ist unglücklicherweise ziemlich irreführend. Denn er suggeriert etwas, das so schlicht nicht zutrifft. Menschen im Autistischen Spektrum und ADHS-neurodivergente Menschen nehmen ihre Umwelt sogar deutlich intensiver wahr als neurotypische Menschen. Studien und Forschung sprechen davon, dass bis zu sechsmal mehr Geräusche, Bewegungen, Gerüche, Lichter, Emotionen durch die Sinneskanäle aufgenommen und verarbeitet werden müssen.
Diese feine Wahrnehmung kann eine enormes Potenzial darstellen und gleichzeitig auch erschöpfen, irritieren, erdrücken und ablenken.
Die Aufmerksamkeit wechselt zwischen zwei Extremen: dem Hyperfokus und der Konzentrationsschwäche bei fehlender Struktur, Orientierung, Relevanz oder negativ bewerteten Tätigkeiten.
Im positiven Hyperfokus befassen sich Menschen mit ADHS (und Autismus) stundenlang, wochenlang oder monatelang intensiv, kreativ, unermüdlich und leidenschaftlich mit eigenen Ideen und Projekten und sind aus diesem exzessiven Zustand kaum herauszubewegen. Nicht wenige erfolgreiche und berühmte Personen haben diese extreme Form der Konzentrationsfähigkeit für den Aufbau eines erfolgreichen Unternehmens oder für den Leistungssport genutzt.
Der Hyperfokus kann sich jedoch auch auf negative Erlebnisse, Kritik, abwertende Kommentare oder gesellschaftliche Themen richten. Die kleinste kritische Äußerung der Lehrerin kann Kinder mit ADHS in tiefe Scham, Selbstzweifel und emotionale Krisen stürzen. Häufig leiden sie dann tagelang unter starker Unsicherheit und vermuten, die Lehrerin könne sie nicht mehr leiden. Manche Kinder versuchen eigene als negativ empfundene Eigenschaften durch Strategien, wie endlose To-Do-Listen und fünf Erinnerungen im Handykalender zu kompensieren, geben Aufgaben erst nach dreimaliger Kontrolle ab und perfektionieren eigene Projekte bis zur absoluten Erschöpfung, um Ablehnung und schmerzhafte Kritik zu vermeiden.

Hyperfokus als Überlebensstrategie
Die Aufmerksamkeit von Menschen mit ADHS richtet sich instinktiv auf das, was evolutionär relevant ist. Auf alles, was neu, auffällig oder potenziell bedeutsam sein könnte.
Dazu gehören zum Beispiel:
plötzliche Veränderungen
kleinste Bewegungen
knisternde oder ungewöhnliche Geräusche
starke Gerüche
Lichter und auffällige (Warn-)Farben
mögliche Gefahren
Wettbewerb, Anerkennung und Sicherheit in der Gruppe
die Befriedigung grundlegender Bedürfnisse wie Nahrung, Trinken und Bindung.
Evolutionär betrachtet ist diese feine Wahrnehmung kein Nachteil, ganz im Gegenteil. Sie war über Jahrtausende hinweg entscheidend für das Überleben ganzer Gruppen.
Warum Schule so schwierig sein kann
In der Tierwelt ist diese Fokussierung auf die kleinsten Details in der Umwelt hochrelevant. Im Klassenzimmer sieht das leider anders aus.
Dort wird es schnell als störend wahrgenommen, wenn die Aufmerksamkeit eines Kindes nicht beim Arbeitsblatt bleibt, sondern:
dem vorbeifliegenden Vogel folgt,
sich auf das auf das Gespräch mit der Sitznachbarin richtet,
den Streit zweier Mitschüler priorisiert.
Wenn verstanden wird, welche Bedingungen gegeben sein müssen, damit Menschen mit ADHS konzentriert lernen, emotional reguliert sind und ihr Potenzial ausschöpfen, dann kann Familie und Schule zu einem Ort der Verbindung, Stärke und Begabungsentfaltung werden.



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